Château Lascombes – Margaux: Die größte Metamorphose eines Deuxième Cru Classé
Von 20 Hektar zu 120 Hektar: Eine Geschichte voller Turbulenzen und Triumphe
Wenn man durch die sanften Hügel von Margaux fährt, zwischen den legendären Châteaus Margaux und Palmer, stößt man auf ein Gut, dessen Geschichte so dramatisch ist wie kaum ein zweites in Bordeaux: Château Lascombes. Gegründet im 17. Jahrhundert von der Familie Lascombes, die dem Gut auch seinen Namen gab, erlebte dieses Weingut eine beispiellose Achterbahnfahrt – vom kleinen, hochklassifizierten Paradies zum riesigen, unüberschaubaren Riesen, und schließlich zurück zu seiner wahren Essenz.
Die Klassifikation von 1855 war ein Triumph: Lascombes wurde als Deuxième Grand Cru Classé eingestuft – nur knapp hinter Mouton Rothschild. Doch das Gut umfasste damals gerade einmal 20 Hektar, konzentriert um das Schloss und dessen nördliche Umgebung. Diese kleinen, aber kostbaren Parzellen auf tiefem Kiesboden waren der Grund für die ursprüngliche Ehrung.
Doch was folgte, war ein Jahrhundert des Niedergangs. Eine Reihe von Besitzern, die dem Gut wenig Aufmerksamkeit schenkten, ließen die Qualität sinken. Bis 1951 das Gut am Rande des Aussterbens stand und von einem Konsortium unter Führung von Alexis Lichine gerettet wurde – dem berühmten „Pope of Wine", der auch Château Prieuré-Lichine erwarb.
Lichine modernisierte die Kellerei und erweiterte die Weinberge, doch seine Vision scheiterte an einem fatalen Fehler: Die neuen Parzellen wurden mit ungeeigneten Rebsorten bestockt. Der Merlot, der auf den tiefen Kiesböden der Kernparzellen gedeihte, wurde auch auf den weniger geeigneten, tonreicheren Böden gepflanzt. Die Qualität stagnierte, der Ruf des Gutes blieb angekratzt.
1971 übernahm die englische Brauerei Bass Charrington – und der Niedergang setzte sich fort. Trotz Investitionen in neue Chais fehlte das Fachwissen. Erst René Vannetelle, ab 1981 engagiert, begann die systematische Neuausrichtung: schlechte Parzellen ausgemustert, illustre Terroirs neu definiert, die Kellerei modernisiert.
Der wahre Wendepunkt kam 2001: Die amerikanische Investmentfirma Colony Capital erwarb Lascombes für 50 Millionen Euro und investierte weitere 50 Millionen über die nächsten zehn Jahre. Ein gewaltiger Kellersanierung, neue Weinberge, moderne Technik. Die Qualität sprang nach oben, die Parker-Punkte erreichten neue Höhen. Doch der Stil war extrem: hohe Reife, intensive Extraktion, opulente Fülle, dominantes Neuholz – der sogenannte „Parker-Stil" in seiner reinsten Form.
2011 verkaufte Colony Capital für 200 Millionen Euro an die französische Krankenversicherung MACSF – zurück in französische Hände nach 60 Jahren. Doch die Weine blieben im umstrittenen „internationalen" Stil, oft zu holzlastig, zu opulent, zu wenig Margaux.
Die nächste Revolution folgte 2022: Gaylon Lawrence, ein Milliardär aus Tennessee und Besitzer mehrerer Napa-Valley-Weingüter, erwarb Lascombes. Und damit begann die vielleicht faszinierendste Transformation der modernen Bordeaux-Geschichte.
Die Axel-Heinz-Revolution: Zurück zur Essenz von Margaux
Axel Heinz, seit 2005 Kellermeister der legendären Ornellaia in Bolgheri, Toskana, wurde 2023 als neuer Geschäftsführer und Kellermeister berufen. Ein Schritt, der die Weinwelt überraschte: Warum verlässt einer der besten Winzer Italiens seine Heimat für ein umstrittenes Bordeaux-Gut?
Heinz' Antwort ist eine klare Vision: „Das neue Ziel ist es, Lascombes auf das Niveau eines großen Deuxième Crus zu bringen. Auf diesem Niveau gibt es nicht viel Raum für einen Stil, der nicht in gewissem Maße mit Tradition verbunden ist. Wir brauchen einen Stil, der den spezifischen Charakter des Gutes repräsentiert."
Sein erster Jahrgang, 2023, ist ein Manifest dieser Philosophie:
Die Kernparzellen neu definiert
Heinz begann damit, die 20 Hektar Ursprungs-Weinberge von 1855 zu identifizieren – jene Parzellen, die damals zur Klassifikation führten. „Die Weinberge, die 1855 bei der Klassifikation zur Einstufung von Lascombes als Deuxième Grand Cru Classé gedient haben, befinden sich trotz der zahlreichen Eigentümerwechsel noch heute im Besitz des Château", erklärt Heinz. Von dort kommen nun die besten Trauben für den Grand Vin.
Die Rebsorten-Revolution
Der bisherige Merlot-Überhang (oft 50%+) wurde radikal gekürzt. Der 2023er enthält 55% Cabernet Sauvignon, nur 40% Merlot und 5% Petit Verdot – ein fast schon historischer Verschnitt für Lascombes. In Zukunft soll sogar ein kleiner Anteil Cabernet Franc (nachgepflanzt) hinzukommen. Ziel: Ein klassischer Margaux – duftig, feingliedrig, elegant, mit stabilem Tanningerüst.
Die gestaffelte Lese
In warmen Jahren (wie 2023) wird die Ernte gestaffelt, um Überreife zu vermeiden. In kühlen Jahren (wie 2024) sorgt die selektive Lese für ausreichende physiologische Reife. Eine Präzision, die das Terroir in den Mittelpunkt stellt.
Reduzierte Extraktion, weniger Holz
Die Maischestandzeiten wurden leicht reduziert, die Extraktion vorsichtiger gehandhabt. Der Holzausbau sinkt auf 50-60% neue Fässer (von früher 80-90%), kombiniert mit gebrauchten Fässern und Foudres. Das Ergebnis: Ein Wein, der „wie Margaux schmeckt" – nicht wie ein opulenter Parker-Bordeaux, sondern wie ein eleganter, terroir-authentischer Deuxième Cru.
Das Terroir: Ein Mosaik von 120 Hektar
Mit 120 Hektar Weinbergen (laut anderen Quellen 100 Hektar in Margaux und 10 Hektar in der Nachbarappellation) ist Lascombes eines der größten klassifizierten Güter des Médoc – ein Riesen, der seine Größe lange Zeit nicht beherrschen konnte.
Das Terroir ist extrem heterogen:
Die Kernparzellen (ca. 50 Hektar)
Die ursprünglichen 20 Hektar von 1855 plus weitere hochwertige Lagen um das Schloss und im Norden. Hier thront der berühmte tiefgründige Kies von Margaux – jener Boden, der dem Cabernet Sauvignon seine elegante Struktur und dem Merlot seine samtige Fülle verleiht. Diese Parzellen sind das Herz von Lascombes.
Die nördlichen Parzellen (Soussans)
Hinzugekaufte Lagen in der Nachbargemeinde Soussans, mit leichteren, sandigeren Böden. Hier gedeiht der Merlot besonders gut, doch die Qualität erreicht nicht ganz die Kernparzellen.
Die südlichen Parzellen (ehemals Château Martinens)
Durch Zukauf erworbene Weinberge im Süden, auf unterschiedlichen Bodenformationen. Diese Parzellen waren lange Zeit problematisch – zu viel Ton, zu wenig Kies, ungeeignet für hochklassige Weine.
La Côte – Die Entdeckung von Axel Heinz
Bei der systematischen Bodenuntersuchung entdeckte Heinz ein fünf Hektar großes Juwel: Parzellen nahe der Gironde, genannt „La Côte", wo auf einer fünf Meter tiefen Kalksteinplatte eine dünne Schicht blauer Ton liegt – ein ideales Terroir für Merlot. Die Rebstöcke waren bereits in den 1980er Jahren gepflanzt worden. Heinz entschloss sich, diesen Wein erstmals separat zu vinifizieren (ab 2022): „La Côte de Lascombes" – ein reinsortiger Merlot, vergoren in Betonamphoren, ausgebaut in neuem Holz. Weniger streng als rechtsufrige Merlots, von einem feinen Säurefilm durchzogen, mit üppiger, frischer Frucht. Ein Wein, der fast dreimal so viel kostet wie der Grand Vin und Assoziationen an den toskanischen Masseto weckt – doch Heinz wehrt sich: „Im atlantischen Klima von Bordeaux entwickelt der Merlot ein ganz anderes Aromenprofil als im mediterranen Klima der Toskana."
Die Rebsorten: Eine radikale Neuausrichtung
Zeitraum
Cabernet Sauvignon
Merlot
Petit Verdot
Cabernet Franc
Colony Capital (2001-2011)
45-50%
45-50%
5%
0%
MACSF (2011-2022)
50-57%
40-45%
3-5%
0%
Axel Heinz (ab 2023)
55-65%
35-40%
5%
geplant
Diese Entwicklung zeigt den klaren Trend: Weg vom opulenten Merlot-Bombardement, hin zum eleganten Cabernet-dominanten Margaux-Stil. Heinz' Vorbilder sind nicht die überextrahierten Parker-Weine, sondern die klassischen Margaux der 1950er und 1960er Jahre – duftig, feingliedrig, mit stabilem Tanningerüst und der Fähigkeit, Jahrzehnte zu reifen.
Vinifikation: Präzision statt Power
Unter Axel Heinz hat sich die Kellertechnik grundlegend gewandelt:
Gestaffelte Lese: Parzellenspezifische Erntezeiten, um optimale Reife zu erfassen
Reduzierte Maischestandzeit: Weniger Extraktion, mehr Eleganz
Vorsichtige Extraktion: Sanfteres Pigeage, weniger Remontagen
Reduzierter Neuholzanteil: 50-60% neue Fässer statt 80-90%, ergänzt durch gebrauchte Fässer und Foudres
Betonamphoren: Für „La Côte de Lascombes" und experimentelle Chargen
Das Ergebnis ist ein Wein, der „gradlinig, transparent, vielschichtig mit geschliffenem Tannin und präziser Frucht" ist – laut den meisten Kritikern der beste Lascombes seit Langem.
Geschmacksprofil & Degustationsnotizen: Die neue Ära
Château Lascombes (Grand Vin) – Die neue Ära (ab 2023)
Erscheinungsbild: Dunkles Rubingranat mit violetten Reflexen, zarte Randaufhellung
Nase: Feine Kräuterwürze, Nuancen von Cassis und schwarzen Kirschen, tabakig, ein Hauch von Edelholz. Blumige Noten von Veilchen und Iris, die typisch für Margaux sind.
Gaumen: Mittelgewichtig, klar und seidig. Die Tannine sind bemerkenswert fein und geschliffen, die Textur wirkt fast schwerelos. Keine opulente Schwere, sondern elegante Spannung, frische Säure, präzise Frucht. Ein Wein, der „wie Margaux schmeckt" – nicht wie ein generischer Parker-Bordeaux.
Finish: Lang, frisch, mit einer dezenten mineralischen Note und feinen Kräuteraromen im Abgang.
Château Lascombes – Die Colony-Ära (2001-2022)
Typische Profile: Tief, dunkel, konzentriert. Espresso, dunkle Schokolade, Lakritz, geröstete Kaffeebohnen, reife schwarze Kirschen, Pflaumenmarmelade. Rund, üppig, fett, mit kräftigem Holzeinfluss. Ein „internationaler" Stil, der Parker-Fans begeisterte, Traditionalisten aber vor den Kopf stieß.
La Côte de Lascombes (ab 2022)
100% Merlot aus den blauen Ton-Parzellen. Lush, plush, polished – süß, angehoben, fruchtig, mit üppiger, runder Textur und konzentrierten, opulenten schwarzen Kirschen und Schokolade. Der Abgang ist lang, lebendig und cremig. Ein Wein, der die Grenzen von Margaux neu definiert.
Bewertungen & Pressestimmen: Die unendliche Achterbahn
Die Bewertungen von Lascombes spiegeln seine turbulente Geschichte wider:
Die Colony-Ära – Höhenflug und Kritik
2010: 96 Punkte (Robert Parker) – „The wine hits all cylinders... gorgeously sweet nose of creme de cassis, spring flowers, subtle barbecue smoke and charcoal... full body, beautiful intensity, great purity, stature and length." – Der beste Lascombes der modernen Ära, trotz 90% neuem Holz.
2015: 94 Punkte – „Voluptuous in texture... the best vintage of Lascombes in the modern era."
2009: 92 Punkte – „Rich, concentrated, supple... but I'd like to see a little less oak."
Die MACSF-Ära – Uneinheitlichkeit
2019: 93 Punkte – „Dark in color... round, lush, opulent... the oak seems to be dialed back and now you find more freshness and cleaner fruits, which I like a lot."
2020: 91 Punkte – „Still quite oaky at the moment... perhaps with time, the wood will become better integrated."
2022: 93 Punkte – „Lush, concentrated, polished, full-bodied... incredibly creamy, but it is also quite oaky, so it is not for the oak averse."
Die Heinz-Ära – Die Wende
2023: 94 Punkte (The Wine Cellar Insider) – „The first vintage with the new owners, with Axel Heinz calling the shots, starts off with a bouquet of flowers before moving to notes of sweet red fruits, cedar, and a touch of orange rind... soft, creamy character to the sweet, red berries on the palate, with a hint of crushed rocks, and a refreshing touch of chocolate-mint... an updated style for the chateau. Loads of big changes here starting with the amount of wine placed into the Grand Vin slashed by more than 30%."
2024: 92 Punkte – „Black currants, smoke, forest leaves, and tobacco aromas... juicy, energetic, and complicated by the cedar, and tobacco that blends with the black currants on the palate. There is a spicy touch of refreshing mint that pops in at the end of the finish... 65% Cabernet Sauvignon, 30% Merlot, and an even mix of Cabernet Franc, and Petit Verdot. 13% ABV."
2025: 95 Punkte – „At first, it is the bouquet of flowers that grabs your attention. From there, you notice tobacco leaves, smoke, currants, cedar, and blackberries. On the palate, the wine continues in the right way with its elegant, silky tannins, lush textures, and waves of ripe, dynamic, black fruit, with red fruits, bringing to a fresh, creamy finish. The aging program is 60% new French oak, with a lighter toast, used barrels, and foudres. All the work in the vineyards and cellars has really made a difference here."
Lagerfähigkeit & Servierempfehlung
Die Lagerfähigkeit von Lascombes variiert stark je nach Ära:
Colony/MACSF-Jahrgänge (2001-2022): 10-20 Jahre, die holzlastigen Jahrgänge benötigen Zeit für Integration
Heinz-Jahrgänge (ab 2023): 15-30+ Jahre, die neue Eleganz und das reduzierte Holz versprechen bessere Alterung
Serviertemperatur: 16-18 °C
Dekantieren: 2-3 Stunden vor dem Genuss, besonders bei den jüngeren Jahrgängen
Passende Speisen: Gegrilltes Rinderfilet, Lammkarree mit Kräuterkruste, Perlhuhn mit Trüffel, Wildschweinbraten, gereifter Comté
Warum Château Lascombes in Ihren Weinkeller gehört
Château Lascombes ist derzeit eine der spannendsten Adressen des Bordeaux – nicht trotz seiner turbulenten Geschichte, sondern wegen ihr. Die Ankunft von Axel Heinz markiert einen Wendepunkt, der das Potenzial des Gutes endlich voll ausschöpft:
Terroir: Die 20 Hektar Ursprungs-Weinberge von 1855 gehören zu den besten Lagen von Margaux
Neuausrichtung: Weg vom opulenten Parker-Stil, hin zum eleganten, klassischen Margaux
Team: Axel Heinz bringt das Know-how von Ornellaia, kombiniert mit tiefem Respekt für Bordeaux-Tradition
Preis: Trotz Deuxième-Cru-Status liegt Lascommes weit unter den „Super Seconds" aus Pauillac und St. Julien – und auch unter dem aufstrebenden Nachbarn Rauzan-Ségla (2024: unter 70 Euro)
Technische Daten Château Lascombes
Merkmal
Details
Appellation
Margaux AOC (Deuxième Grand Cru Classé 1855)
Besitzer
Gaylon Lawrence (seit 2022, über Artémis Domaines)
50-60% neue französische Eichenfässer, leichter Toast, gebrauchte Fässer, Foudres
Ausbau (Colony/MACSF)
80-90% neue französische Eichenfässer, intensiver Toast
Alkoholgehalt
13,0-14,5% vol. (je nach Jahrgang und Ära)
Jährliche Produktion (Grand Vin)
250.000-300.000 Flaschen (Heinz reduziert um 30%+)
Zweitwein
Chevalier de Lascombes
Spezial-Cuvée
La Côte de Lascombes (100% Merlot, ab 2022, Betonamphoren)
Lagerfähigkeit
10-30+ Jahre (je nach Jahrgang und Ära)
Trinktemperatur
16-18 °C
Nachbarn
Château Margaux, Château Palmer, Château Rauzan-Ségla
Fazit: Ein Wein, der Geschichte schreibt – erneut
Château Lascombes ist mehr als nur ein Deuxième Cru Classé. Es ist ein Lehrstück für die moderne Weinwelt – ein Gut, das beweist, dass selbst die größten Fehler korrigiert werden können, wenn Vision auf Terroir trifft. Von den 20 Hektar von 1855 über die 120 Hektar des Colony-Riesen zurück zu einer konzentrierten, terroir-authentischen Vision – diese Reise ist beispiellos.
Die Ankunft von Axel Heinz markiert den vielleicht wichtigsten Wendepunkt seit der Klassifikation selbst. Sein Ziel ist nicht, einen neuen „internationalen" Stil zu kreieren, sondern „einen klassischen Wein zu erzeugen, wie er für Margaux typisch ist: duftig, feingliedrig, elegant und mit stabilem Tanningerüst". Ein Wein, der „wie Margaux schmeckt" – und das auf dem Niveau, das einem Deuxième Cru gebührt.