Château Grand Barrail Lamarzelle Figeac – Saint-Émilion Grand Cru
Drei Namen, eine Geschichte: Wie aus Figeac ein eigenständiger Stern wurde
Der Name allein erzählt bereits eine Geschichte: Grand Barrail, Lamarzelle, Figeac – drei historische Liegenschaften, die sich im Laufe von über 150 Jahren zu einem der faszinierendsten Weingüter des rechten Bordeaux-Ufers vereinten. Wer diesen Namen ausspricht, berührt die Wurzeln einer der ältesten Weinbau-Traditionen Europas, denn das ursprüngliche Figeac-Seigneurie reicht zurück in die gallo-römische Zeit
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Die moderne Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert, als das riesige Figeac-Domäne sukzessive aufgeteilt wurde. 1838 entstand Château Cheval Blanc, weitere Parzellen folgten. 1873 erwarb Marie-Berthe Rebeyrolle ein 2,5 Hektar großes Stück im lieu-dit Lamarzelle direkt von Château Figeac und fügte es ihrem bereits 1872 gekauften Figeac-Chauvin hinzu. 1874 wurde daraus Château Rebeyrolle – der Keimzelle dessen, was heute als Château Grand Barrail Lamarzelle Figeac bekannt ist. Doch die eigentliche Prägung erhielt das Gut durch einen Mann aus dem industriellen Norden Frankreichs: René Bouchart, Ritter der Ehrenlegion, Brauer und Malzbetreiber aus Saint-Amand-les-Eaux. 1902 erwarb er Clos Lamarzelle und begann, für seine zukünftige Frau Marie Godeau ein Schloss zu errichten, das seinesgleichen suchte. Er beauftragte den renommierten Architekten Louis-Marie Cordonnier – den Erbauer des Friedenspalasts in Den Haag und der Liller Oper – und ließ das heutige Herrenhaus im Stil des 18. Jahrhunderts errichten, das 1903 vollendet wurde.
Ein juristischer Zwist mit Château Figeac zwang Marie Godeau 1910, den Namen
Figeac aus der Bezeichnung zu streichen – aus
Figeac-Lamarzelle wurde Château Lamarzelle Figeac.1924 vereinigten sich schließlich die Güter
Grand Barrail und
Lamarzelle Figeac zum heutigen Namen, nachdem René Boucharts Schwiegersohn, der Komponist und Pianist Emile Nérini, die Leitung übernommen hatte
Die folgenden Jahrzehnte sahen wechselnde Besitzer: den belgischen Börsenmakler Maurice Alloo (1937), den Destillateur und Dichter Georges Clément (1955), dessen Werke im Park des Gutes rezitiert wurden, und schließlich Edmond Carrère (1956), dessen Wahlspruch bis heute im Directory of brands and Appellations d'Origine von 1941 nachzulesen ist: „To taste me is to love me, and me alone“. 1955 wurde das Gut zum Saint-Émilion Grand Cru Classé erhoben – ein Status, der 1969 und 1986 bestätigt wurde
1997 erwarb die Familie Parent das Anwesen und errichtete den bis heute einzigartigen runden Fasskeller, der 400 Barriques fasst und mit dem Jahrgang 2000 eingeweiht wurde. 2004 folgte der Verkauf an Louis Parent, und seit 2005 verwaltet und vinifiziert das renommierte Haus Dourthe das Gut – mit bemerkenswertem Erfolg
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Das Terroir: Steinige Eleganz am Fuße des Kalkstein-Plateaus
Das 15 Hektar große Weingut liegt eingebettet in die sogenannten
„Graves de Saint-Émilion“ – steinige, tonig-kiesige Terrassen, die sich vom Nordwesten des Dorfes in Richtung Libourne und Pomerol erstrecken Diese Böden, geprägt von Sand, Kies und blauem Ton, sind historisch für ihre Fähigkeit bekannt, Weine von außergewöhnlicher Feinheit und Eleganz hervorzubringen
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Die Lage direkt gegenüber von Château Figeac, getrennt nur durch eine Straße, bietet eine topografische und geologische Nähe zu einem der berühmtesten Güter der Welt. Doch während Figeac auf dem Kalkstein-Plateau thront, liegt Grand Barrail Lamarzelle Figeac etwas tiefer, an den Ausläufern der Terrassen – ein Unterschied, der sich in der etwas sanfteren, zugänglicheren Charakteristik der Weine manifestiert. Die Weinberge sind durchgehend mit 70 % Merlot und 30 % Cabernet Franc bestockt – eine klassische Cuvée für das rechte Ufer, die dem Merlot seine dominierende, samtige Fruchtigkeit verleiht und dem Cabernet Franc die strukturgebende Eleganz und die typischen Veilchen-Noten.
Die Vinifikation: Tradition trifft moderne Präzision
Seit der Übernahme durch Dourthe im Jahr 2005 hat das Gut eine bemerkenswerte Qualitätsentwicklung durchlaufen. Die Weinbereitung folgt einer klaren Philosophie: Schonung des Terroirs, Präzision in der Kellertechnik und Respekt vor der Frucht. Die Lese erfolgt von Hand, die Vinifikation in temperaturgeregelten Tanks ermöglicht eine kontrollierte Extraktion. Der Ausbau erfolgt über 12 Monate in französischen Eichenfässern, wobei ein Teil des Weins in Barriques reift, um zusätzliche Komplexität und Textur zu entwickeln. Besonders bemerkenswert ist die ökologische Ausrichtung: Seit dem Jahrgang 2018 verfügt das Gut über die Zertifizierungen Terra Vitis und
Haute Valeur Environnementale (HVE) . Diese Auszeichnungen bestätigen den nachhaltigen, umweltbewussten Weinbau, der die Böden, die Biodiversität und das ökologische Gleichgewicht des Terroirs schont.
Besonderheiten, die Grand Barrail Lamarzelle Figeac auszeichnen
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Architektonisches Erbe: Das 1903 von Louis-Marie Cordonnier erbaute Schloss ist eine exakte Replik eines Gebäudes in Valenciennes – ein Kuriosum, das das Gut einzigartig macht. Die individuell gestalteten Fenster und die maureske Speisekammer (heute Restaurant) zeugen von außergewöhnlicher Baukunst
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Der runde Fasskeller: Seit 1997 beherbergt das Gut einen kreisförmigen Barrique-Keller für 400 Fässer – ein architektonisches Highlight, das bei Besichtigungen zu sehen ist..
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Dourthe-Expertise: Die Zusammenarbeit mit dem renommierten Haus Dourthe seit 2005 hat eine konstante Qualitätssteigerung bewirkt. Patrick Jestin, der die Übernahme leitete, bezeichnete das Gut als „Juwel in der Saint-Émilion-Krone“.
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Ökologische Vorreiterrolle: Als eines der wenigen Grand-Cru-Classé-Güter mit Terra-Vitis- und HVE-Zertifizierung setzt Grand Barrail Lamarzelle Figeac Maßstäbe im nachhaltigen Weinbau..
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Weintourismus auf höchstem Niveau: Das benachbarte Hôtel Grand Barrail – das ehemalige Herrenhaus des Gutes – ist heute ein Fünf-Sterne-Relais & Châteaux-Hotel und bietet Besuchern die Möglichkeit, im Herzen der Weinberge zu residieren..
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Das Etikettenkreuz: Seit 2012 ziert ein stilisiertes Kreuz die Flaschen – drei Äste symbolisieren die drei ursprünglichen Parzellen (Grand Barrail, Lamarzelle, Figeac), der vierte Äste repräsentiert das vereinte Gut. Ein Verweis auf die christlichen Wurzeln von Saint-Émilion
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Servierempfehlung und Lagerfähigkeit
Die Rotweine von Château Grand Barrail Lamarzelle Figeac sind für ihre frühe Zugänglichkeit bekannt, entfalten aber auch mit zunehmendem Alter zusätzliche Komplexität. Der Grand Vin sollte mindestens 3-5 Jahre reifen, kann aber problemlos 15 -25 Jahre gelagert werden. Vor dem Genuss empfiehlt sich eine Dekantation von etwa einer Stunde, um das volle Aromaspektrum zu entfalten. Serviertemperatur: 16-18 °C.
Als kulinarische Begleiter eignen sich gegrilltes rotes Fleisch, Geflügel in Sauce, gereifter Hartkäse und Desserts mit roten Früchten besonders gut
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Fazit
Château Grand Barrail Lamarzelle Figeac ist ein Gut, das seine komplexe, fast verworrene Geschichte in eine klare, moderne Qualitätsphilosophie überführt hat. Von der gallo-römischen Wurzel über die Teilung von Figeac, den industriellen Traum eines nordfranzösischen Brauers, den Dichter-Destillateur Georges Clément bis hin zur professionellen Dourthe-Regie – jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen.
Heute steht das Gut für terroirtypische Eleganz, ökologische Verantwortung und konstante Qualität zu einem Preis, der für ein Saint-Émilion Grand Cru Classé außergewöhnlich fair ist. Wer Weine sucht, die die Finesse des rechten Bordeaux-Ufers verkörpern – ohne die Intensität und Extraktion mancher Nachbarn – findet hier einen der charaktervollsten Vertreter der Appellation.
Die Weine sind sowohl für den kurzfristigen Genuss als auch für die mittelfristige Kellerreifung bestens geeignet und bieten ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Technische Daten: Chateau Grand Barrail Lamarzelle Figeac
Rebfläche: 15 ha , Rebenalter: 40 Jahre Rebsatz: Merlot 75%, Cabernet Franc 25%. Durchschnittliche Jahresproduktion: 70 000 Flaschen Durchschnittlicher Ertrag: 39.5 hl/ha Vinifikation und Ausbau: temperaturgeregelte Gärung und Maischung, 12 bis 14-monatiger Ausbau in zu 34% neuen Eichenfässern.