Château La Gaffelière – Saint-Émilion: Ein Urgestein des rechten Ufers zwischen Ausone und Pavie
Von der Leprastation zum Premier Grand Cru Classé: Eine Geschichte über neun Generationen
Wenn man durch die malerischen Gassen von Saint-Émilion schlendert, zwischen den steilen Kalksteinhängen und den alten Klostermauern, stößt man unweigerlich auf ein Weingut, dessen Geschichte so alt ist wie die Stadt selbst: Château La Gaffelière. Eingebettet zwischen den legendären Hügeln von Château Ausone und
Château Pavie – zwei der vier Premier Grand Cru Classé A – liegt dieses Gut, das seit über
300 Jahren ununterbrochen im Besitz der Familie
Malet-Roquefort ist und eine der faszinierendsten Erfolgsgeschichten des modernen Bordeaux geschrieben hat.
Der Name „Gaffelière" selbst ist ein Echo aus dem dunklen Mittelalter. Im 11. Jahrhundert, als eine Lepra-Epidemie durch die Region wütete, wurden die Kranken aus der Stadt Saint-Émilion verbannt. Sie fanden Zuflucht in einer Leprastation am Fuß des Hügels – den „gaffets", benannt nach ihren charakteristischen Gehstöcken, den „gaffes". Aus dieser düsteren Vergangenheit erwuchs ein Name, der heute für einen der elegantesten Weine der Welt steht. Das heutige Schloss wurde auf den Fundamenten dieses alten Lepra-Hospitals erbaut.
Doch die Geschichte reicht noch viel weiter zurück. 1969 entdeckte man auf dem Weingut die Villa du Palat, eine gallo-römische Villa aus dem 4. Jahrhundert mit einem prächtigen Mosaikboden, der zwei verschlungene Rebstöcke zeigt. Viele Indizien deuten darauf hin, dass dies die Villa des berühmten Konsuls und Dichters Ausonius gewesen sein könnte – dessen Name heute das Nachbargut ziert.
Die Familie Malet-Roquefort selbst ist eine der ältesten Adelsfamilien Frankreichs. Ihre Wurzeln reichen bis ins Jahr 876 zurück, als Maleth, ein Wikingerkrieger mit dem Kriegshammer, an der Seine landete. Über Generationen hinweg prägten die Malets die Geschichte Europas: Wilhelm Malet kämpfte 1066 in der Schlacht von Hastings an der Seite von Wilhelm dem Eroberer, Jean Malet begleitete König Ludwig den Heiligen auf den Kreuzzug nach Tunis und brachte dessen sterbliche Überreste zurück nach Frankreich – sein Familienwappen ziert noch heute den berühmten „Sarg des Heiligen Ludwig" im Louvre.
Der entscheidende Wendepunkt für das Weingut kam am 17. November 1705: Louis Malet de Roquefort heiratete Isabeau de Bonneau, Tochter von Hélie de Bonneau, dem Lord von Fonroque, Bürgermeister von Saint-Émilion und – das Wichtigste – Besitzer von La Gaffelière. Damit verband sich das Schicksal der Familie Malet-Roquefort für immer mit diesem Terroir.
Das Terroir: Drei Gesichter eines einzigartigen Hügels
Das Château La Gaffelière umfasst 22 Hektar Weinberge mit vollständiger südlicher Exposition – ein entscheidender Vorteil für die Reife der Trauben. Was dieses Gut so besonders macht, ist die ungewöhnliche Dreiteilung seines Terroirs innerhalb der kleinen Fläche:
1. Das Kalksteinplateau (Le Plateau)
Die höchstgelegenen Parzellen sitzen auf dem berühmten calcaire de Saint-Émilion – dem gleichen Kalkstein, der auch die Weine von Ausone und Pavie prägt. Hier gedeiht der Cabernet Franc in seiner ganzen mineralischen Pracht.
2. Der Lehm-Kalk-Hang (La Côte)
Die mittleren Lagen bestehen aus argilo-calcaire (tonig-kalkhaltigem Boden), der für die Struktur und das Alterungspotenzial des Weins verantwortlich ist. Diese Böden speichern Wasser perfekt und geben es in trockenen Perioden an die Reben ab.
3. Der Hangfuß mit Silikaten (Le Pied de Côte)
Die untersten Parzellen am Fuß des Hügels bestehen aus
sandig-tonigen Böden mit Silikatanteilen – eine seltene Kombination in Saint-Émilion, die dem Merlot seine charakteristische Frucht und Weichheit verleiht.
Diese drei Terroirs werden von den Rebstöcken mit einem durchschnittlichen Alter von 35–40 Jahren bewirtschaftet – ein Alter, das für optimale Konzentration und Terroir-Ausdruck sorgt.
Die Rebsorten: Ein Verschnitt, der Saint-Émilion neu definiert
Während viele Weingüter auf dem rechten Ufer den Merlot dominieren lassen, hat La Gaffelière in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Transformation des Encépagements vollzogen:
Diese Verschnittphilosophie unterscheidet La Gaffelière fundamental von vielen Nachbarn. Der hohe Cabernet Franc-Anteil – oft höher als bei Ausone selbst – verleiht dem Wein eine fast linkes-Ufer-erinnernde Mineralität und Graphit-Note, wie Kritiker wie Neal Martin feststellten.
Die große Wende: Von der Klassifikation zur Unabhängigkeit
Im
Juni 2022 schockierte die Familie Malet-Roquefort die Weinwelt: Nach
67 Jahren als Premier Grand Cru Classé B – seit der Gründung der Klassifikation 1955 – entschied man sich, aus dem Klassifikationssystem auszutreten. La Gaffelière folgte damit den legendären Gütern Ausone, Cheval Blanc und Angélus.
Der Grund? Ein erster Bericht der Klassifikationskommission hatte das Qualitätsniveau des Terroirs in Frage gestellt – eine Bewertung, die im direkten Widerspruch zu den durchweg 95–97 Punkten stand, die La Gaffelière in den Jahren zuvor von den führenden Weinkritikern erhalten hatte.
Alexandre de Malet Roquefort erklärte in einer offiziellen Pressemitteilung:
„Heute ist es an der Zeit, sich zu verabschieden. Wir erkennen uns nicht mehr in diesem System wieder, mit dem wir historisch verbunden sind und das uns lange Zeit geehrt hat."
Seit dem Jahrgang
2022 trägt der Wein daher nur noch die Bezeichnung
Saint-Émilion Grand Cru – ohne Klassifikationszusatz. Doch die Qualität? Die spricht für sich. Der Jahrgang 2022 erhielt 97 Punkte von The Wine Cellar Insider, der 2023er 96 Punkte – beweisend, dass die Familie ihre Philosophie konsequent umsetzt, unabhängig von offiziellen Etiketten.
Vinifikation: Handwerk mit modernem Anstrich
Seit 2004 berät der Star-Önologe Stéphane Derenoncourt das Gut, zusammen mit Kellermeister Franck Darricau und dem jungen, dynamischen Eigentümer Alexandre de Malet Roquefort. Dieses Trio hat den Wein in den letzten Jahren auf ein neues Qualitätsniveau gehoben.
Die Ernte
Die Trauben werden von Hand in kleinen Kisten gelesen und sofort selektiert. Die Ernte erfolgt parzellenspezifisch, um die unterschiedlichen Reifegrade der drei Terroirs optimal zu erfassen.
Die Gärung
Die Maischegärung findet in Holzgefäßen statt – eine traditionelle Methode, die mehr Textur und Komplexität ermöglicht als reiner Edelstahl. Die Extraktion erfolgt durch pneumatisches Pigeage (Unterstoßen der Tresterhaube), eine schonende Technik, die die Tannine weich und die Farben intensiv extrahiert. Die Gärdauer variiert je nach Jahrgang zwischen 25 und 35 Tagen.
Der Ausbau
Der Wein reift 12 bis 16 Monate auf der Feinhefe in französischen Eichenfässern. Der Anteil neuer Fässer variiert je nach Jahrgang und Charakter des Weins:
Diese Reduktion des Neuholzanteils in jüngeren Jahrgängen zeigt die Reife des Weinguts: Man vertraut mehr auf die Qualität des Terroirs und weniger auf die Dominanz des Holzes.
Keine Schönung
Bemerkenswert: Der Wein wird nicht geschönt (unfined) abgefüllt – eine Entscheidung, die maximale Authentizität und Aromenreichtum garantiert, aber höchste Qualität in der Kellertechnik voraussetzt.
Warum Château La Gaffelière in Ihren Weinkeller gehört
In einer Zeit, in der Bordeaux-Weine oft entweder unerschwinglich oder austauschbar sind, bietet La Gaffelière etwas Seltenes: Premier Grand Cru Classé-Niveau zu einem fairen Preis – und das von einem Weingut, das seine Unabhängigkeit bewiesen hat.
Die Kombination aus dreifachem Terroir (Plateau, Côte, Pied de Côte), generationsübergreifender Familienleidenschaft, dem visionären Team um Derenoncourt/Darricau/Malet Roquefort und einem unverwechselbaren Stil macht diesen Wein zu einem Muss für jeden ernsthaften Bordeaux-Liebhaber. Ob als Einstieg in die Welt großer Saint-Émilion-Weine oder als verlässlicher Stammgast im Keller – La Gaffelière enttäuscht nie.
Die Entscheidung, aus der Klassifikation auszutreten, war kein Rückzug, sondern ein Befreiungsschlag. Sie befreite das Gut von bürokratischen Zwängen und ermöglichte eine noch konsequentere Umsetzung der eigenen Qualitätsphilosophie. Die Ergebnisse seit 2022 sprechen eine deutliche Sprache: La Gaffelière ist heute besser denn je.
Technische Daten Château La Gaffelière
| Merkmal |
Details |
| Appellation |
Saint-Émilion Grand Cru AOC (bis 2021: Premier Grand Cru Classé B) |
| Besitzer |
Familie Malet-Roquefort (seit 1705, 9. Generation: Alexandre de Malet Roquefort) |
| Berater |
Stéphane Derenoncourt (seit 2004) |
| Kellermeister |
Franck Darricau |
| Weinbergsfläche |
22 Hektar |
| Exposition |
Vollständig südlich |
| Terroir |
3 Parzellen: Kalksteinplateau, Lehm-Kalk-Hang (argilo-calcaire), Hangfuß mit Silikaten |
| Rebsorten |
55-70% Merlot, 30-42% Cabernet Franc, 0-15% Cabernet Sauvignon |
| Durchschnittsalter der Reben |
35-40 Jahre |
| Ernte |
Manuell in kleinen Kisten, parzellenspezifisch selektiert |
| Vinifikation |
Gärung in Holzgefäßen, pneumatisches Pigeage, 25-35 Tage Maischegärung |
| Ausbau |
12-16 Monate in Eichenfässern auf der Feinhefe (40-80% neu, je nach Jahrgang) |
| Schönung |
Nein (unfined) |
| Alkoholgehalt |
13,0 - 14,5% vol. (je nach Jahrgang) |
| Jährliche Produktion |
ca. 85.000 Flaschen |
| Lagerfähigkeit |
10-40+ Jahre (je nach Jahrgang) |
| Trinktemperatur |
16-18 °C |
| Zweiter Wein |
Clos La Gaffelière |
| Nachbarn |
Château Ausone, Château Pavie (Premier Grand Cru Classé A) |
Zweitwein: Clos La Gaffelière
Neben dem Grand Vin produziert das Gut einen Zweitwein namens Clos La Gaffelière, der mit der gleichen Sorgfalt wie der Hauptwein hergestellt wird, aber aus jüngeren Parzellen oder selektierten Chargen stammt. Er bietet einen früher zugänglichen, fruchtbetonteren Einblick in den Stil des Hauses.
Fazit: Ein Wein mit Geschichte, Terroir und unerschütterlicher Integrität
Der Château La Gaffelière ist mehr als nur ein weiterer Saint-Émilion. Er ist die Geschichte einer Familie, die seit über 300 Jahren dieses Land bewirtschaftet und dabei Prinzipien über Profit stellt. Er ist der Beweis, dass Unabhängigkeit und Qualität Hand in Hand gehen können. Er ist ein Wein, der Herz und Verstand gleichermaßen anspricht – elegant und kraftvoll in der Jugend, tief und komplex im Alter.