Château Pédesclaux – Pauillac: Die größte Transformation eines 5ème Cru Classé der Moderne
Vom verachteten Wein zur Decanter-Sensation: Eine Geschichte mit dramatischen Wendungen
Wenn man über die faszinierendsten Comeback-Geschichten des modernen Bordeaux spricht, führt kein Weg an Château Pédesclaux vorbei. Dieses Gut, das 1810 vom Weinhändler Urbain Pierre Pédesclaux gegründet und bereits 1855 als Cinquième Grand Cru Classé klassifiziert wurde, durchlebte im 20. Jahrhundert einen beispiellosen Niedergang – nur um ab 2009 eine Renaissance zu erleben, die seinesgleichen sucht.
Die frühen Jahre waren vielversprechend. Pédesclaux erwarb Parzellen vom benachbarten Grand Puy und baute innerhalb kürzester Zeit ein Renommee auf, das einem 5ème Cru Classé mehr als würdig war. Doch nach dem Tod von Madame Pédesclaux 1891 begann ein langer, schleichender Verfall. Die Familie Gastebois, dann Lucien Jugla (der das Gut 1951 erwarb) konnten den Niedergang nicht aufhalten. Die Weine wurden dünn, uninspiriert, vergessen.
Der Tiefpunkt war erreicht, als der einflussreiche Weinkritiker Robert Parker den berüchtigten Satz prägte: „Life is too short to drink Pédesclaux." – Das Leben ist zu kurz, um Pédesclaux zu trinken. Ein Todesurteil für jeden Wein, ein Schandfleck für ein Grand Cru Classé.
Doch dann geschah das Unmögliche. 2008, in einer Blindverkostung des Decanter Magazine, wurde der Jahrgang 2005 von Château Pédesclaux höher bewertet als die Weine von Lafite und Latour – zwei der fünf Premier Crus. Der damalige Decanter-Chefredakteur Guy Woodward berichtete später, dass Steven Spurrier (berühmt durch das „Judgment of Paris") sofort eine Neubewertung forderte: „Wenn er herausfand, dass Pédesclaux höher bewertet wurde als die meisten Premier Crus, wurde er nervös und sagte, wir würden dumm aussehen." Doch die Ergebnisse hielten stand.
Diese Sensation blieb nicht unbemerkt. 2009 erwarb der Schweizer Immobilien-Tycoon Jacky Lorenzetti – Gründer von Foncia, Besitzer des Rugby-Clubs Racing 92 und passionierter Weinsammler – das vernachlässigte Gut und startete eine der spektakulärsten Transformationen in der Geschichte des Bordeaux.
Die Lorenzetti-Revolution: Cabern-isation und architektonische Vision
Jacky Lorenzetti, zusammen mit seiner Frau Françoise und unterstützt von Emmanuel Cruse (Château d'Issan) sowie Vincent Bache-Gabrielsen, hatte eine klare Vision: Pédesclaux sollte wieder zu dem werden, was es einst war – und mehr. Die Strategie wurde „Cabern-isation" getauft: eine konsequente Umstrukturierung hin zu mehr Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, weg vom übermäßigen Merlot der Vergangenheit.
Die Weinbergs-Revolution
Flächenerweiterung: Von 35 auf 50 Hektar (davon 49 Hektar rot, 1 Hektar weiß)
Rebsorten-Umstellung: Von 50% Merlot/45% Cabernet Sauvignon auf 65% Cabernet Sauvignon, 25% Merlot, 7% Cabernet Franc, 3% Petit Verdot (laut aktueller Angaben)
Neuanpflanzungen: Systematische Erneuerung mit Fokus auf die besten Parzellen
Ökologischer Anbau: 2019 Beginn der biologischen Umstellung, 2022 offizielle AB-Zertifizierung (Agriculture Biologique/Eurofeuille)
Die spektakuläre Kellerei
2014 wurde ein neuer, 100% gravitischer Chai eingeweiht – entworfen vom Star-Architekten Jean-Michel Wilmotte, bekannt für das Louvre-Abu-Dhabi und das Stade de France. Die gläsernen Flügel des Gebäudes erstrahlen im Licht und verjüngen das Erscheinungsbild des Gutes. Die gesamte Vinifikation erfolgt nun schonend per Schwerkraft, von der Selektion bis zur Abfüllung.
Das Terroir: Im Schatten von Mouton und Lafite
Château Pédesclaux liegt strategisch perfekt im Herzen von Pauillac, umgeben von Giganten: Lafite Rothschild, Mouton Rothschild, d'Armailhac und Pontet-Canet sind direkte Nachbarn. Diese Lage auf einem der begehrtesten Terroirs der Welt ist kein Zufall – sie ist das Ergebnis kluger Erwerbungen durch Urbain Pierre Pédesclaux vor über 200 Jahren.
Der Boden besteht aus graves-argilo-calcaire et siliceux – kiesig-tonig-kalkhaltigem Boden mit Silikatanteilen, typisch für die besten Lagen von Pauillac. Die Reben haben ein Durchschnittsalter von 35 Jahren und sind mit einer Dichte von ca. 10.000 Stöcken pro Hektar gepflanzt.
Die Weinberge werden mit akribischer Sorgfalt bewirtschaftet: Fensterschnitt, Durchtriebsentfernung, Laubarbeit, Ausgeizen und Selektion – alles dient der Maximierung der Qualität. Die Kellerei, gebaut auf dem Hang für optimale Schwerkraftnutzung, verfügt über modernste Technologie.
Die Rebsorten: Die Cabern-isation in Zahlen
Die Transformation des Encépagements unter Lorenzetti ist drastisch und zielgerichtet:
Die Cabern-isation in Zahlen: Die Transformation des Encépagements
Zeitraum
Cabernet Sauvignon
Merlot
Cabernet Franc
Petit Verdot
Vor 2009
50%
45%
5%
0%
Aktuell (ca. 2025)
62-65%
25-28%
6-7%
3-4%
Zielrichtung
~80%
reduziert
erhöht
stabil
Diese Verschiebung hin zum Cabernet ist keine Modeerscheinung, sondern eine terroir-gerechte Anpassung. Die besten Parzellen von Pédesclaux – jene mit den tiefsten Kiesablagerungen – sind prädestiniert für Cabernet Sauvignon. Der Merlot, der in den 1990er Jahren übermäßig gepflanzt wurde, um schnell trinkreife Weine zu produzieren, wird zunehmend auf die tonreicheren, kühleren Parzellen verdrängt.
Der Petit Verdot, ab 2016 erstmals im Verschnitt (der erste Jahrgang in der Geschichte des Gutes mit allen vier Rebsorten), fügt Würze und Balance hinzu. Der Cabernet Franc bringt Frische und florale Komplexität – besonders in den Jahrgängen 2017 und 2019 wurde sein erhöhter Anteil (von 3% auf 7%) von Kritikern hoch gelobt.
Vinifikation: Präzision durch Schwerkraft
Die Ernte erfolgt von Hand und wird sofort in die gravitative Kellerei transportiert. Nach einer Kaltmazeration bei kontrollierten Temperaturen folgt die Gärung in temperaturgesteuerten Tanks. Die Extraktion ist sanft, die Remontagen reduziert – Ziel ist Eleganz, nicht rohe Kraft.
Der Ausbau dauert 14–16 Monate in französischen Eichenfässern, wobei der Anteil neuer Fässer je nach Jahrgang variiert. Die Weine werden fein abgestimmt, ohne dabei ihre terroir-authentische Identität zu verlieren.
Geschmacksprofil & Degustationsnotizen: Die Evolution eines Stils
Die Weine von Pédesclaux haben sich seit 2009 dramatisch verändert. Von den frühen Lorenzetti-Jahrgängen mit noch spürbarem Holzeinfluss hin zu den aktuellen Cuvées, die Präzision, Frische und Pauillac-Authentizität verkörpern:
Bewertungen & Pressestimmen: Der lange Weg zurück an die Spitze
Die Entwicklung der Weine seit der Lorenzetti-Übernahme ist in den Bewertungen dokumentiert:
Jahrgang 2022: „Der beste Jahrgang bisher" (Vincent Bache-Gabrielsen) – 68% Cabernet Sauvignon, 22% Merlot, 7% Cabernet Franc, 3% Petit Verdot. Enorme Extraktion und Konzentration, fast 14,5% Alkohol.
Jahrgang 2019: „This shows where Pedesclaux can be and where we want to go" – 78% Cabernet Sauvignon. Schlank, modern, präzise, mit lovely purity and freshness. Einer der zwei herausragenden Jahrgänge der Dekade (neben 2017).
Jahrgang 2017: Hervorragende Balance und Frische durch erhöhten Cabernet Franc-Anteil (7% vs. 3% in 2016). Terrific structure, alles, was man von einem Pauillac erwartet.
Jahrgang 2016: Erster Jahrgang mit allen vier Rebsorten. Mittelkräftig mit seidigen Tanninen, beeindruckender Tiefe, zarter Struktur und unglaublicher Säurelinie. „Ich liebe die Harmonie."
Jahrgang 2005: Die Decanter-Sensation, die alles veränderte – höher bewertet als Lafite und Latour in der Blindverkostung.
Lagerfähigkeit & Servierempfehlung
Der moderne Pédesclaux ist ein Wein mit exzellentem Alterungspotenzial. Während die jüngeren Jahrgänge (ab 2016) bereits nach 7–10 Jahren Genuss bereiten, entfalten sie ihre volle Komplexität erst nach 15–25 Jahren. Top-Jahrgänge wie 2009, 2010, 2015, 2016, 2018, 2019 oder 2022 können problemlos 30+ Jahre reifen.
Serviertemperatur: 16–18 °C
Dekantieren: 2–3 Stunden vor dem Genuss, besonders bei jüngeren Jahrgängen
Passende Speisen: Gegrilltes Rinderfilet, Lammkarree mit Kräuterkruste, Rehrücken, Wildschweinbraten, gereifter Comté
Warum Château Pédesclaux in Ihren Weinkeller gehört
In einer Welt, in der Bordeaux-Weine oft astronomische Preise erreichen, bietet Pédesclaux etwas Seltenes: 5ème Grand Cru Classé-Qualität auf einem Terroir zwischen Lafite und Mouton – zu einem Bruchteil des Preises seiner Nachbarn.
Die Lorenzetti-Transformation ist keine Marketing-Story, sondern messbare Realität: Bio-Zertifizierung, gravitative Kellerei von Weltklasse-Architekt, Umstrukturierung des Weinbergs, konsequente Qualitätsorientierung. Der Wein hat seinen Platz in der ersten Liga von Pauillac zurückgewonnen – und das zu einem Preis, der Sammler und Genießer gleichermaßen begeistert.
Technische Daten Château Pédesclaux
Merkmal
Details
Appellation
Pauillac AOC (5ème Grand Cru Classé 1855)
Besitzer
Jacky & Françoise Lorenzetti (seit 2009)
Technische Leitung
Emmanuel Cruse (General Manager), Stéphanie Roposte (Maître de Chai)
Önologe
Éric Boissenot
Weinbergsfläche
50 Hektar (49 ha rot, 1 ha weiß)
Terroir
Graves argilo-calcaire et siliceux (kiesig-tonig-kalkhaltig mit Silikat)
Neben Pédesclaux umfasst das Imperium von Jacky Lorenzetti weitere herausragende Güter:
Château Lilian Ladouys: Saint-Estèphe – zugänglicher, fruchtbetonter Stil
Château Lafon-Rochet: Saint-Estèphe – seit 2021 im Besitz der Lorenzettis
Château d'Issan: Margaux (3ème Cru Classé) – 50% Beteiligung seit 2013, gemeinsam mit Emmanuel Cruse
Fazit: Ein Wein, der Geschichte schreibt
Château Pédesclaux ist mehr als nur ein 5ème Grand Cru Classé. Er ist die Geschichte eines Phönix aus der Asche – eines Weinguts, das von den Tiefen der Verachtung zurück an die Spitze seiner Appellation gefunden hat. Die Lorenzetti-Transformation ist kein leerer Marketing-Slogan, sondern messbare Realität: Bio-Zertifizierung, architektonische Meisterleistung, terroir-gerechte Neuausrichtung, konstant steigende Bewertungen.